[Europe – Culture – Education] « Via Bayard » – Berufskolleg Ehrenfeld : « Wir sind die Geschichten, die wir von uns erzählen. »

 

 

Fortbildung und Ideenwerkstatt zur Entwicklung eines gemeinsamen europäischen Sagenweges in Vireux–Wallerand. 18.-24. März 2012

 

« via bayard »

Der Verein Ligue de l’Enseignement / Europäische Sagenstraße hat zu einer Fortbildung und Ideenwerkstatt in die Ardennen eingeladen. Ziel ist es, in gemeinsamer Arbeit mit Organisa­tionen aus Belgien, Frankreich, Luxemburg und Deutschland einen grenzüber­schreitenden Entdeckungsweg der gemeinsamen europäischen Kultur zu entwickeln: die «via bayard». Zielgruppe sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene. 

Fünf angehende Erzieher/-innen Tanja Burgwinkel, Tilmann Hartkopf, Kathrin Nöll, Sebastian Schulz, die zukünftige Kinderpflegerin Sevda Izki und der Lehrer Georg Kesting brachten die Perspektiven der Deutschen mit ins Spiel. Thema ist die Auseinandersetzung mit der gemeinsamen europäischen Geschichte und grenzüberschreitenden Sagen.

Vireux–Wallerand
Die deutsche Gruppe am Mittelpunkt Europas der 15
Chateau le Risdoux

 

Die vier Haimonskinder mit Reinold und seinem Wunderpferd Bayard spielen die Hauptrolle, Karl der Große tritt auf und der den Rheinländern wohlbekannte Roland – der Rolandsbogen ist als Ausflugsziel bekannt. Kaiser Karl kann durchaus als erster Europäer verstanden werden. Er ist Namensgeber des Karlspreises, der seit 1950 durch die Stadt Aachen an Persönlichkeiten oder Institutionen vergeben wird, die sich für Europa stark gemacht haben.

Aus der Zeit heraustreten

Vor unserer Unterkunft, dem Chateau le Risdoux in der Nähe von Vireux–Wallerand fließt die Maas Meuse träge dahin. Morgens liegt lange der Nebel über dem Wasser. Die Zeitempfindung scheint sich hier in den Ardennen dem Tempo des Flusses angeglichen zu haben. Langsam bewegen wir uns in die frühen Jahre der gemeinsamen europäischen Geschichte. Ihren Spuren und den Spuren der Sage werden wir in den nächsten Tagen folgen. 

 

Die oft nicht zu klärende Frage, was ist historisch belegt, was ist Dichtung, führte uns zu der Erkenntnis, dass uns hier zwei Wahrheiten begegnen. Die eine Wahrheit ist die der nachweisbar geschichtlichen Tatsachen. Die andere ist die sich in Bildern alter Erzählungen verdichtende Bedeutung, die wir uns erst erschließen müssen. Die Reinold-Sage wurden von Jahrhundert zu Jahrhundert von Mund zu Mund weitererzählt und dann im hohen Mittelalter durch eine literarische Form gezähmt zu Papier gebracht. Hat sich Reinold wirklich in dieser Burg aufgehalten oder suchten sich die Menschen in Belgien, in Frankreich einen Ort, den sie mit der Sage in Verbindung brachten. So machten sie die Sage zu ihrer Sage. 

Wir erkannten immer wieder, dass beide Wahrheiten nicht immer streng voneinander zu unterscheiden sind, sie fließen ineinander. So genehmigten wir uns Zeiten, in denen wir uns nur in die Sagenwelt hineinträumten.

Spuren entdecken

In dieser Woche begleitete uns Karl der Große und Reinold mit seinem Pferd Bayard auf Schritt und Tritt. Das Thema ist spannend und unser Arbeitspensum enorm. Wir wurden vom Bürgermeister empfangen und erhielten Besuch von Fachleuten. Wir begaben uns hinaus zu historischen und mythischen Orten. Wir erfuhren Fakten und hörten Geschichten. Die alten Zeiten sind gegenwärtig in den Ardennen. Sie begegneten uns in der Form von Ausgrabungen, Burgen, Städten, Skulpturen, Museen und erstaunlichen Naturerscheinungen. Jeder Fund ist mit Geschichte und Geschichten verbunden – alles auch touristisch interessantWir wollen aber mehr als nur sagen: Wat isset hier schön

Das geografische Zentrum eines Europas der noch 15 Staaten war Ausgangspunkt einer Rundreise. Am symbolischen Punkt für Deutschland machen wir unser Gruppenfoto. Der Archäologe Jean-Pierre Lémant führte uns zu römischen Ausgrabungen. Wir begegneten Orten, wo der römische Einfluss auf Sprache, Struktur und Kultur Europas sichtbar wird. 

Dann ein unscheinbares Kirchlein, La Collégiale. Ist das die Kirche, wo man die Grabstätte Pippin des Kurzen vermutet hat, dem Vater Karls des Großen?   Wie kommt hier in die Krypta eine deutsche Inschrift? Hat sich in dieser düsteren Burg Château Montcornet wirklich Reinold mit seinen Brüdern verschanzt, um sich vor der Rache Kaiser Karls zu schützen, bis er von einem Freund verraten wurde? 

Und jetzt: Leise auf diesen See zugehen. Feen sind schreckhaft. Ein kleines Mädchen habe einmal gesagt: Ich habe die Fee gesehen und die war blau. Feen sehen zu können ist das das Vorrecht der Kinder. Und doch fand sich dann auf unserem Gruppenfoto oberhalb des Sees eine kleine Fee wieder – wir lernten, uns verzaubern zu lassen. 

Noel Orsat und Jean-Pierre Lémant
Pippins Gruft in la Collégiale?
La Collégiale

 

Noel Orsat, Initiator der via bayard, schlüpfte in ein goldenes Gewandt und zog uns in der Rolle Karls des Großen in die Abenteuer Reinolds und seiner Brüder hinein. In Charleville-Mézières  kann man diesen Zauber in der Form eines Marionettenspiels erleben.  Und dann an der Straße ein Panzer aus dem zweiten Weltkrieg, die Stadt Sedan, wo wir dem modernen Krieg begegnen  – aber das ist eine andere Geschichte und das Thema eines Nachfolgetreffens.

Noel Orsat am Mittelpunkt der EU der 15

 

Ideen entwickeln

Inhaltlich wurde viel gearbeitet. Erarbeitung historischer Kenntnisse. Auseinandersetzung mit dem Sagenstoff. Entwicklung methodisch-didaktischer Wege zur Vermittlung des Sagenstoffs. Konzeptionsentwicklung eines Seminars zur Ausbildung von Multiplikatoren.

Ein widerständiges Thema

Das Thema ist widerständig. Warum sollte man sich überhaupt mit einem über 1000 Jahre alten Stoff auseinandersetzen. Haben wir heute nicht andere Probleme? 

·   Das Mittelalter ist weit weg, es hat mit uns nichts zu tun und war, wie die Legende sagt, dunkel. Wäre es nicht spannend, wie Dr. Rita Darboven Projektpartnerin aus der Europastadt Aachen vorschlägt, in Form „moderner Heimatkunde“ eine „Zeitkette“ in die Vergangenheit zu legen, um zu erkunden, ob wir Spuren finden, die Europa zu einer verbindenden Idee werden lässt – über Nationalgrenzen hinweg, die mehr ist als das öffnen von Finanzschirmen?

·   In Deutschland kennt kaum jemand diese alte Sage der Haimonsbrüder, aber Franzosen und Belgier sind damit durchaus vertraut, gibt es dafür Gründe, die in der jüngeren Vergangenheit liegen und uns den Blick versperren? Wäre es sinnvoll mit unseren Nachbarn darüber ins Gespräch zu kommen, warum das so ist?

·   Sich mit vier Rittern auf einem Pferd auseinanderzusetzen, die gemeinsam Abenteuer erleben ist sicher ganz nett, aber muss man das wissen? Wie wäre es aber, wenn wir uns Gedanken darüber machen, was sich der Kölner Künstler Heinz Klein-Arendt (1916-2005) dabei gedacht hat als er die Skulptur der Haimonskinder schuf und sie direkt vor einer Grundschule in Braunsfeld platzierte.
Auf Bayard sitzen keine Ritter mehr, sondern vier Kinder. Klein-Arendt schrieb. Die Skulptur ist „Symbol der Schule, die den Werdenden in das Leben hinausführt“.  Erfährt man dann, dass diese Schule als Europaschule ausgezeichnet und zertifiziert ist, ist es keine Frage mehr, wohin die modernen Haimondskinder reiten.

 

·   Heute brauchen wir andere Vorbilder als alten Haudegen, denen es darum ging, sich aufzuplustern und in Kämpfen Kräfte zu messen. Aber erkennen wir in diesen recht klaren Beziehungs-Geschichten uns nicht selbst wieder? Freundschaft und Verrat, Verfolgung und Flucht, Kränkung und Rache, Macht und Ohnmacht, Abschottung hinter Burgmauern und verletzliche Offenheit, Eitelkeit und Demut, Angst und Selbstüberwindung, Gerechtigkeit und Freiheit sind Themen, an denen wir uns noch heute abarbeiten. 

·   Vier Ritter auf einem Pferd, so ein Blödsinn. Historisch belegt ist, dass die Tempelritter sich, als Zeichen der Demut, ein Pferd teilten. Hier sind es vier. Die Vier ist symbolisch zu entschlüsseln. Wir erfahren zum Beispiel die vier als eine Zahl des Ausgleichs, als ein Symbol für die Welt und ihre Ordnung, man denke nur an die vier Himmelsrichtungen und die vier Elemente. Durch das Paradies der Juden, Christen und Muslime flossen vier Ströme. Das Christentum ist durch vier Evangelien überliefert.
Wir kennen aus der Antike die vier Kardinaltugenden Weisheit, Tapferkeit,
  Mäßigung und Gerechtigkeit, die Thomas von Aquin durch drei geistige Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung zu einer Siebenzahl werden lässt. Sieben Jahre liegt Reinold mit Karl im Streit. Dann schließt er Frieden. Reinold begibt sich schließlich nach Köln und baut mit am Dom.
Die Sieben eine Zahl, die etwas zur Vollendung bringt, wie der siebte Tag, an dem man von den Zwängen des alltäglichen Broterwerbs befreit ist. Hier wird eine Tür in die Zukunft geöffnet. Wir dürfen spekulieren und träumen.

·   Dass eine neue Sagenstraße entstehen soll, kann man getrost den an der Touristik interessierten Kommunen und Verbänden überlassen. Aber ist es nicht spannend als Berufskolleg aktiv einen Weg mitzugestalten, der international konzipiert wird und Menschen verbinden, sie miteinander ins Gespräch bringen soll, die Fantasie anregt?

·   Kinder und Jugendliche interessieren sich eh nur für sich selbst, vielleicht für die Mythenwelt der Computerspiele und Cyber-Sagen. Wie wäre es beides zu verknüpfen – die Cyberwelt und die Geschichte, die Kommunikation im Cyber-Raum mit der realen internationalen Begegnung. Ist es nicht so, dass auch eine transnationale Identität Wurzeln benötigt, die Gemeinsamkeiten und nicht das Trennende in den Mittelpunkt stellt?

 

Skepsis ist notwendig, Träume auch

 

Skepsis, besonders von uns Deutschen vorgebracht, ist also notwendig. Von unseren Projektpartnern können wir aber lernen, dass das nicht alles sein kann und wir uns vieler Chancen  berauben, wenn wir die Geschichte erst 1933 beginnen lassen. Sagen weben also ein Tuch, in dem wir unsere Muster einsticken können. Das schöne ist, die Sagenkonflikte sind so lange her, dass wir uns nicht mehr persönlich betroffen fühlen. Trotzdem können wir uns über Themen konstruktiv streiten, die uns heute betreffen.

 

Kurz, indem wir über die Haimonskinder sprechen, sprechen wir über uns selbst. Wenn wir die Geschichten sind, die wir über uns erzählen, wie Erich Zenger sagt, dann tragen wir auch Verantwortung dafür, dass wir die Widerständigkeit des Stoffes erst nehmen, die  Vielfalt der Facetten in eine Gestalt bringen und das Angebot unserer europäischen Partner annehmen, sich mit ihnen auf den gemeinsamen Weg der „via bayard“ zu begeben.  

 

Der französische Romancier und Essayist Pascal Bruckner (*1948) beklagt im April 2012 die Situation Europas „Was so solide schien, ist mürbe, was dauerhaft errungen war, erweist sich als flüchtig. Auch darum schließen sich immer mehr unserer Zeitgenossen in ihre Nationen, Regionen, Familien ein wie vor einem Sturm, der über sie hinwegfegt.“ Er plädiert für ein solidarisches Europa, das seine Energie aus den Ideen der Aufklärung zieht. Die grenzüberschreitende Arbeit in der Region ist entgegen der Befürchtungen Bruckners gerade der Ausgangspunkt für ein aufgeklärtes solidarisches Europa.

BKE – Berufskolleg Ehrenfeld: « Via Bayard ». Georg Kesting

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[Europe – Champagne Ardenne] Europe Infos n°66 – Avril 2012

Europe Infos n°66 – Avril 2012